Überspannungsschutz mit der ACI-Technologie: Wissen für Planer und Experten
Technische Hintergründe zur ACI-Technologie, TOV, Selektivität, Leitungsführung und SPD-Installation.
Von TOV und Neutralleiterabriss über Selektivität bis zur Auswahl des passenden SPD-Typs: Diese Seite bündelt technisches Hintergrundwissen, häufige Expertenfragen und vertiefende Informationen rund um modernen Überspannungsschutz mit der ACI-Technologie von DEHN.
- ACI-Technologie
- TOV & Neutralleiterabriss
- Selektivität
- Typ 1–3 SPD



Die wichtigsten Fragen auf einen Blick
Die ACI-Technologie (Advanced Circuit Interruption) integriert den Überstromschutz direkt in das SPD. Dadurch entfällt die externe Vorsicherung, die Schutzlücke wird vermieden und der Schutzpegel bleibt konstant niedrig.
Die „Schutzlücke“ entsteht durch einen Zielkonflikt bei externen Überstrom-Schutzeinrichtungen (ÜSSE) für SPDs. ÜSSE müssen groß dimensioniert sein, um bei Stoßströmen nicht auszulösen. Dadurch sind sie aber zu träge für kleine, aber zerstörerische Fehlerströme von alternden Varistoren, was zu hohem Energieumsatz und Brandgefahr im SPD führen kann.
TOV (Temporäre Überspannungen) sind netzfrequente Überspannungen, die über längere Zeit anhalten. Sie entstehen beispielsweise durch einen Neutralleiterabriss.
Selektivität bedeutet, dass im Fehlerfall nur die dem Fehler am nächsten liegende Schutzeinrichtung auslöst, während vorgelagerte Schutzeinrichtungen intakt bleiben. Ziel ist es, unnötige Anlagenausfälle zu vermeiden; der SPD-Schutz darf nicht den Hauptschutz auslösen. ACI-Technologie bietet die Selektivität 63 A gG (bei Typ2) und 100 A gG (bei Typ1) und reduziert Planungsaufwand.
Die Leitungsführung ist entscheidend, da induktive Spannungsfälle in den Anschlussleitungen den Schutzpegel (Up) der SPD erhöhen und somit die Schutzwirkung für Endgeräte mindern. Die Anschlussquerschnitte müssen der Kurzschlussstrombelastung standhalten (z. B. 6 mm² Cu für Typ 1, 2,5 mm² Cu für Typ 2).
Bei Überspannungsableitern mit ACI-Technologie sind Anschlussquerschnitte von 16 mm² bei Typ 1 und 6 mm² bei Typ 2 ausreichend.
Wann werden Typ 1-3-Ableiter eingesetzt?
SPDs vom Typ 1 werden typischerweise am Speisepunkt der Anlage installiert. Sie sind zwingend erforderlich bei baulichen Anlagen mit externem Blitzschutz oder Freileitungseinspeisung. Sie sind dafür ausgelegt, die hohen Ströme eines direkten Blitzeinschlags sicher abzuleiten. Der wichtigste Parameter ist der Blitzstoßstrom (Iimp), der bei Blitzschutzklasse III/IV mindestens 12,5 kA und bei Blitzschutzklasse I/II mindestens 25 kA pro Pfad betragen muss.
SPDs vom Typ 2 werden typischerweise in den Unterverteilungen der Anlage installiert. Sie schützen vor Überspannungen, die durch Schalthandlungen im Netz oder indirekte Blitzeinschläge entstehen. Der Nennableitstoßstrom (In) muss mindestens den Werten der DIN VDE 0100-534 entsprechen (zum Beispiel 5 kA oder 20 kA).
SPDs vom Typ 3 werden gerätenah eingesetzt, um empfindliche Endgeräte direkt zu schützen. Sie ergänzen Typ-1- und Typ-2-SPDs und bilden die letzte Schutzstufe im Überspannungsschutzkonzept..
Was bedeutet TOV?
TOV steht für Temporary Overvoltages und bezeichnet zeitweilige netzfrequente Überspannungen. Diese können beispielsweise durch einen Neutralleiterabriss entstehen. TOVs sind netzfrequente Überspannungen, die über einen längeren Zeitraum anliegen.
Bei konventionellen Überspannungsableitern vom Typ 2 führt der Neutralleiterabriss dazu, dass die interne Abtrennvorrichtung das SPD vom Netz trennt. Dagegen überstehen Typ 2-Ableiter mit der ACI-Technologie diesen Fehlerfall und bleiben sicher am Netz.
Warum stellen TOVs eine Herausforderung für SPDs dar?
TOVs führen fast immer zum Abtrennen des SPDs und unterbrechen somit den Schutz der Anlage. Kommt es bis zum Austausch des SPDs zu Überspannungsereignissen, ist die Anlage nicht mehr geschützt.
Wie verhalten sich herkömmliche SPDs bei TOVs?
Herkömmliche Standard-Ableiter reagieren auf TOVs oft mit einem "sicheren Ausfall", bei dem das Gerät deaktiviert wird. Die ACI-Technologie hingegen bietet eine hohe TOV-Festigkeit. Das bedeutet, dass ein ACI-Gerät die zeitweilige Überspannung übersteht und funktionsfähig bleibt, anstatt sich vom Netz zu trennen. ACI-Geräte verhindern die Entstehung von kleinen Fehlerströmen durch galvanische Trennung oder unterbrechen größere Fehlerströme schnell und sicher.
Wie lassen sich TOV-Risiken beherrschen?
Die ACI-Technologie bietet eine erhöhte Sicherheit bei zeitweiligen netzfrequenten Überspannungen bis mindestens 440 V. Diese hohe TOV-Festigkeit reduziert das Risiko von ungeplanten Anlagenausfällen durch instabile Netzbedingungen erheblich und erhöht die Betriebssicherheit. ACI schließt die Schutzlücke, indem es auch kleine Fehlerströme, die bei TOVs auftreten können, sicher beherrscht.
Neutralleiterabriss
Ein Neutralleiterabriss bezeichnet eine Unterbrechung oder einen Fehler im Neutralleiter eines elektrischen Systems. Dieses Ereignis ist eine der Hauptursachen für zeitweilige netzfrequente Überspannungen, sogenannte TOVs (Temporary Overvoltages).
Die Folgen eines Neutralleiterabrisses sind gravierend und stellen eine besondere Herausforderung für den Überspannungsschutz dar:
TOVs und Schutzlücke
Der Neutralleiterabriss führt zu zeitweiligen netzfrequenten Überspannungen (TOVs), die über einen längeren Zeitraum anliegen können. TOVs können Fehlerströme verursachen, die zwar zu gering sind, um eine groß dimensionierte externe Sicherung schnell auszulösen, aber bereits zerstörerisch für die Varistoren (MOVs) in herkömmlichen Überspannungsschutzgeräten wirken.
Hoher Energieumsatz und Zerstörung:
Bei kleinen prospektiven Kurzschlussströmen, wie sie bei TOVs auftreten können, kommt es zu langen Ausschaltdauern der Sicherung. Dies führt zu einem sehr hohen Energieumsatz im SPD, der das Gerät oder sogar den gesamten Verteiler zerstören kann.
Brandgefahr
Ohne eine geeignete Überstrom-Schutzeinrichtung, die bei einem solchen Fehlerstrom schnell reagiert, besteht Brandgefahr. Im Fehlerfall kann der hohe Energieumsatz das SPD oder sogar den gesamten Verteiler beschädigen.
Wie ein Neutralleiterabriss zur Schutzlücke führen kann
Temporäre netzfrequente Überspannungen gehören zu den häufigsten Folgen eines Neutralleiterabrisses. Werden diese Fehlerströme nicht erkannt und begrenzt, können das Überspannungsgerät, der Verteiler und die angeschlossenen Betriebsmittel beschädigt werden.
Selektivität im Überspannungs-schutz
Ein selektiver Überspannungsschutz ist entscheidend für die Betriebssicherheit und Verfügbarkeit elektrischer Anlagen. Er stellt sicher, dass im Fehlerfall nur die direkt betroffene Schutzeinrichtung reagiert und unnötige Ausfälle der gesamten Installation vermieden werden. Zudem ist die Selektivität zwischen Überstrom-Schutzeinrichtungen eine normative Anforderung gemäß DIN VDE 0100-430 (Abschnitt 434).
Selektivität im Kontext des Überspannungsschutzes und der Überstrom-Schutzeinrichtungen bedeutet, dass im Falle eines Fehlers nur die direkt betroffene Sicherung auslöst.
Selektivität verhindert, dass ein lokaler Fehler zu einem Totalausfall der gesamten Anlage führt und sorgt dafür, dass die Stromversorgung in den nicht betroffenen Bereichen aufrechterhalten bleibt.
Die Selektivität zwischen Schutzorganen ist ein wichtiger Bestandteil der normgerechten Anlagenplanung. Nur wenn Schutzgeräte abgestimmt zusammenarbeiten, können Fehler gezielt begrenzt und unnötige Abschaltungen vermieden werden.
Was bedeutet ISCCR?
Die Kurzschlussfestigkeit (ISCCR) gibt an, welchen maximalen Kurzschlussstrom ein SPD sicher beherrschen kann. Die angegebene Kurzschlussfestigkeit ISCCR eines SPDs muss mindestens dem am Anschlusspunkt zu erwartenden maximalen Kurzschlussstrom entsprechen. Dies ist entscheidend für die Betriebssicherheit und den Schutz der elektrischen Anlage.
Glossar
Vertiefende Themen
Von der Schutzlücke über die ACI-Technologie bis hin zu Normen und Anwendungen: Die folgenden Themen helfen dabei, technische Zusammenhänge besser zu verstehen und fundierte Entscheidungen für Planung und Installation zu treffen.
Warum kleine Fehlerströme große Folgen haben können.
Wie integrierter Überstromschutz Schutzkonzepte verändert.
Welche Unterschiede bei Sicherheit, Planung und Schutzpegel entstehen.
In welchen Anwendungen ACI besondere Vorteile bietet.
Relevante Normen und Kennwerte für die Auswahl von SPDs.
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