Straßenverkehr in Shanghai

Schnellzugbahnhof Hongqiao StationFür ordnungsliebende Deutsche wie mich ist der Verkehr in Shanghai ein Schockerlebnis. Nicht die hilflos winkenden Verkehrspolizisten auf den Kreuzungen oder die allgemeinen Verkehrsregeln regieren die Straßen, sondern purer Darwinismus - der Stärkste kommt ans Ziel.

Trotz der Modernisierung des Straßennetzes und der öffentlichen Verkehrsmittel herrscht besonders morgens und abends buntes Chaos. Die schiere Masse der Menschen, die sich Tag für Tag über Fußgängerwege, Kreuzungen und Zebrastreifen schieben, ist beeindruckend. Dass trotzdem kaum Unfälle passieren und das System aus Bussen, U-Bahnen und Fahrzeugen nicht zusammenbricht, grenzt fast an ein Wunder. Aber offenbar bewähren sich Stempelkarten, Drehkreuze und die stoische Gelassenheit, mit der die Shanghaier dem Getümmel trotzen. Die Distanzen, die viele auf dem Arbeits- oder Schulweg zurücklegen, nehmen oft Stunden in Anspruch und führen deutlich vor Augen, wie gigantisch die Dimensionen dieser Stadt sind.

Das breite Repertoire der verwahrlosten Shanghaier Verkehrsmanieren reicht von A wie Abbremsen auf einer dreispurigen Verkehrsader zum Wenden bis Z wie Zickzackkurs über die Gegenfahrbahn. Es wird rangiert und überholt, scharf gebremst und beschleunigt, was das Zeug hält. Dazu bedient man sich großzügig der Hupe, sodass ein quäkendes Klangkonzert über allen Kreuzungen und Straßen erschallt. Dass es in Shanghai fünf Jahre dauert, bis man den Führerschein hat, wundert mich angesichts dieser Zustände nicht mehr. Neben Taxis, Bussen und PKWs beleben vor allem Mopeds die Straßen und bewegen sich wie ein endloser Zug von Ameisen am Fahrbahnrand entlang. Sicherheit im Straßenverkehr wird als dehnbarer Begriff verstanden - auf den Einfallsreichtum kommt es an. Deshalb transportiert man schon mal den Werkzeugkasten zwischen den Knien, das Baby unter dem Arm oder ein Bündel langer Bambusstangen auf dem Gepäckträger dieser kleinen Allzweckgefährte, und bleibt trotzdem wendiger als die SUVs.

Die Busse Shanghais wälzen sich wie pummelige grüne Raupen durch den zähen Verkehr. Schubsend und unter Einsatz der Ellenbogen quetscht man sich durch die Türen in den heillos überfüllten Innenraum. Wer bei der ruppigen Fahrweise des Busfahrers nicht schnell genug den Arm nach einer Haltestange (oder dem Nebenmann) ausstreckt, gerät unverzüglich ins Straucheln und provoziert damit einen Dominoeffekt, der von den Mitreisenden mit verächtlichen Blicken quittiert wird. Um den Stop-Knopf an der Hintertür zu erreichen, muss man sich wohl oder übel zwischen verschwitzten Leibern hindurchzwängen. Und nicht selten muss man noch im Fahren in die Freiheit springen, bevor sich das dröhnende Gefährt samt dicht gedrängter menschlicher Fracht mit heulendem Motor entfernt.

Metrostation mit SicherheitstürenDas Shanghaier Metronetz wurde nach der Expo2010 von zwei auf zwölf Linien ausgeweitet. Durch Stempelkreuze gelangt man ins Innere der Stationen, wobei bisweilen ein zehnminütiger Fußmarsch durch schier endlose Gänge nötig ist, bis man den Eingang zur gewünschten Linie erreicht. In größeren Metrostationen wie der am People’s Square erstrecken sich ganze unterirdische Kaufhäuser, Snackmeilen und Souvenirmärkte. Die Beschilderung hilft dabei, sich nicht heillos in dieser Unterwelt zu verirren und den richtigen Abgang zum Gleis zu finden. Obwohl auf Schildern und in den MetroTVs zu Ordnung und Rücksicht aufgerufen wird, sind aussteigende Fahrgäste oft machtlos gegen den Ansturm, der ins Innere der U-Bahnen drängt. Besonders zur Rush Hour haben die Ordnungshüter auf den Bahnsteigen ihre liebe Mühe und verausgaben sich erfolglos an ihrer Trillerpfeife. Sitzplätze sind Mangelware und dementsprechend heiß umkämpft. Meist hat man deshalb mit einer der Stangen oder Griffvorrichtungen an der Decke Vorlieb zu nehmen. Aber Achtung, diese sind nicht für europäische Größenverhältnisse ausgelegt: Stoßgefahr! (Mehrfach getestet...)