Mode und Trends

SchaufensterChinesen haben keinen Sinn für Mode? Von wegen. Wenn wir Europäer glauben, hier modisch irgendjemandem etwas vorzumachen, haben wir uns gründlich getäuscht. Angeblich sind es die Shanghaierinnen, die innerhalb Chinas den meisten Wert auf Kleidung und Stil legen. Nicht zuletzt deswegen nennt man Shanghai auch das Paris des Ostens.

Während die Bewohnerinnen der französischen Hauptstadt schlichte Eleganz und Weiblichkeit verkörpern, ist der Stil der Shanghaier Damen größtenteils sehr verspielt und mädchenhaft. In den Metros und auf den Straßen der Stadt fallen mir vor allem die vielen Rüschen, Perlen, Puffärmel und Spitzeneinsätze auf. Aber auch kantigere Trends wie Karottenhosen, Overalls oder Plateauschuhe sind beliebt. Manchmal kommt es zu wagemutigen Kombinationen, die für mein laienhaftes Gefühl ein bisschen zusammengewürfelt wirken. Durchsichtige Chiffonstoffe und Lagen aus Netz oder Tüll erinnern an die Garderobe einer Prinzessin, weite Schlaghosen, bauchfreie Tops und Caps bilden dazu ein burschikoses Chinesin auf hohen AbsätzenKontrastprogramm. Im Vergleich zu Deutschland tragen hier weitaus mehr Damen Absatz. Als ich Michael frage, wie die Shanghaierinnen die Anstrengung bei den langen Distanzen ertragen, hat er nur verständnislos gesagt: „Wieso? Das ist Fashion!“. So viel dazu.

Dem weiblichen Schönheitsideal entsprechen schlanke, große Frauen mit langen Haaren, einem puppenhaften Gesicht und heller Haut. Deshalb spannen die Chinesinnen hier bei jedem Sonnenstrahl ihren Schirm auf, um sich vor unerwünschter Bräune zu schützen. Es gibt sogar speziell beschichtete Schirme, die Wärme und Strahlung wohl noch besser abhalten sollen. Mopedfahrerinnen tragen zum Schutz gegen die Sonne eine Art Kompressionsstrümpfe für die Arme. Die Kosmetikindustrie antwortet mit einer vielfältigen Auswahl an UV-Schutz, Bleichcremes und aufhellenden Wässerchen, die alle eine makellose, helle und strahlende Haut versprechen. Das Blei, das früher für bessere Resultate Klebestreifen für die Augenliderbeigemischt wurde, ist mittlerweile (hoffentlich) aus dem Katalog der Inhaltsstoffe gestrichen. Schminktechnisch wird vor allem auf definierte Augenbrauen und einen rosa oder roten Kussmund Wert gelegt. Eyeliner, falsche Wimpern und spezielle Klebestreifen in der Lidfalte sollen dabei helfen, die oft kleinen Augen größer und runder wirken zu lassen. Dazu trägt fast jede Frau Armbänder aus Jade, Silber oder Gold – dem Glauben nach zum Schutz und als Zeichen der Schönheit und Anmut.

Die arbeitenden Herren der Schöpfung kleiden sich in Hemd oder Poloshirts, teilweise mit ausgefallenen Mustern und in Pastellfarben. Auffällig sind auch bei ihnen die Armbänder aus Jade, Glasperlen oder Nüssen und Pflanzensamen. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig finde ich die männliche Vorliebe zu langen Fingernägeln, die hingebungsvoll in Form gefeilt und poliert werden. Manche Männer lassen sich den Nagel des kleinen Fingers oder des Daumens sogar zu zentimeterlangen Krallen wachsen.

Chinese in ZweiteilerBesonders an den Wochenenden sehe ich in den Straßen ältere Stadtbewohner in Zweiteilern, die verdächtig nach Pyjamas aussehen. In meinem Reiseführer lese ich schließlich, dass dieser Brauch nicht nur dem Komfort geschuldet ist, sondern aus früherer Zeit stammt: Wer sich einen Schlafanzug leisten konnte, galt als wohlhabend und kultiviert.

Die Shanghaier Malls und Einkaufsstraßen quellen über von trendigen Modelabels und Filialen internationaler Marken. Der chinesische Markt gilt als der größte und zukunftsträchtigste Markt für Luxuswaren, und an jeder Ecke trifft man auf glitzernde Hochglanzboutiquen ohne Preisschilder in den Auslagen. Je größer das Logo, desto besser. Und wer sich Gucci, Prada und Konsorten nicht leisten kann oder will, findet auf den vielen Fake-Märkten haufenweise billiger Duplikate, die den Originalen zum Verwechseln ähnlich sind.