Mein Arbeitsalltag

Mein Arbeitstag beginnt mit der Fahrt im Firmenbus und dem fröhlichen „Nihau! Morning!“ des Busfahrers Mr. Tang. Er versteht zwar genauso viel Englisch wie ich Chinesisch, aber das tut unserer interkulturellen Freundschaft keinen Abbruch.

Nach Ankunft bei der Firma um 9:00 Uhr steuere ich erst einmal die Kaffeeküche an und treffe auf die nächste Instanz des Unternehmens: Die Hausmeisterin, Mrs. Liu, die sich mit Leidenschaft der Sauberkeit der Firma verschrieben hat. Fun Fact: Die Kaffeemaschine ist genauso alt wie die DEHN Shanghai und damit Gründungsmitglied! Die meisten Kollegen trinken statt Kaffee aber bevorzugt heißes Wasser aus den Wasserspendern. Wie ich lerne, gilt warmes Wasser in China als gesund und verträglicher für den Körper und wird gerne mit Kräutern, Blütenblättern oder Wolfsbeeren für die zusätzliche Vitamindosis versetzt.

Die Mittagspause verbringe ich meistens mit meinen Kollegen Xiaofeng und Lina im Speisesaal im Erdgeschoss. Wer seinen Lunch nicht mitgebracht hat, bestellt bei einem der vielen Lieferservices (pro Gericht ca. 2-3 Euro).

Während dem Essen wird ausgiebig geplaudert, und so erfahre ich einiges über das Arbeitsleben in China. Chinesische Arbeitnehmer legen - wie wir Europäer - immer mehr Wert auf eine gute Work-Life-Balance, ein angenehmes Klima unter Kollegen und einen kurzen Anfahrtsweg zur Arbeit. Letzteres kann in Shanghai durchaus ausschlaggebend für einen Arbeitsplatzwechsel sein! Argument Nr. 1 bleibt aber nach wie vor ein höheres Gehalt. Auch in China gilt: Absolventen rennomierter Universiäten haben bessere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Das Schulsystem bietet angeblich „allen Kindern dieselben Chancen“ - was allerdings nicht ganz stimmt, da die staatlichen Förderungen in reichen Provinzen um ein Vielfaches höher sind als im armen Hinterland. Nach der Schulzeit kommt es dann sehr wohl auf das Budget der Eltern an: Wer im Gaokao, dem nationalen Einstufungstest für Universitäten, gut abschneidet, sichert sich dadurch zwar die Eintrittskarte für die besten Unis des Landes. Diese verlangen jedoch auch die höchsten Studiengebühren. Neben dem Kriterium der Ausbildung und beruflichen Stationen zählt in China bei einem Bewerber vor allem der gute Ruf: Es müssen lückenlose Empfehlungen der früheren beruflichen Stationen vorgeweisen werden. Anschließend muss der Bewerber schriftlich einwilligen, dass der potentielle zukünftige Arbeitgeber Nachforschungen in die Vergangenheit und das berufliche und private Umfeld anstellen darf. Erst, wenn diese Überprüfung keine negativen Ergebnisse liefert, wird der Kandidat zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen.

Nach dem Mittagessen geht es zurück ins Büro. Dort verbringen manche den Rest ihrer Pause mit den News auf dem Smartphone. Andere machen einen kleinen Mittagsschlaf, den berühmten Power Nap, mit dem Kopf auf dem Schreibtisch. Jetzt flattern manchmal Emails aus Deutschland in mein Postfach - bei DEHN + SÖHNE in Neumarkt beginnt gerade der Arbeitstag.

Pünktlich um halb sechs fährt der Firmenbus ab in Richtung U-Bahn. Von dort fahre ich mit der Line 5 Richtung Xinzhuang, wo ich erneut umsteigen muss in den Bus der Linie 125. Eingequetscht zwischen zahllosen chinesischen Pendlern geht es so für mich im Stop-and-Go in den Feierabend.