Leben in der Megacity

Nach drei Monaten in Shanghai habe ich gelernt, dass Glamour und Flair einer Megacity den Verkehrswahnsinn, die Enge und die Hektik nicht aufwiegen. Die Distanzen sind so groß, jeder Weg nimmt so viel Zeit in Anspruch. Dass die Shanghaier das mit stoischer Gelassenheit hinnehmen, kann ich nur bewundern. Wahrscheinlich sind sie einfach daran gewöhnt, oder ich habe einfach andere Maßstäbe: China ist eben vor allem eines, nämlich gigantisch. Damit werden auch auf nationaler Ebene weite Distanzen zum Regelfall.

Viele Bewohner Shanghais stammen ursprünglich aus anderen Provinzen Chinas, teilweise mehrere Flugstunden entfernt. Wegen dem immer größer werdenden Zustrom aus anderen Teilen des Landes hat die Stadt ein strenges System eingeführt, das Sozialleistungen, Wohnerlaubnis und Fahrzeugzulassung strikt reglementiert. So hat man als Zugezogener mit langen Wartezeiten für ein Autokennzeichen oder Wohnungen zu rechnen. Kinder dürfen erst eine Shanghaier Schule besuchen, wenn die Eltern mindestens fünf Jahre in der Stadt gelebt haben. So ist es keine Seltenheit, dass junge Familien getrennt sind: Die Eltern arbeiten in der Stadt, während die Kinder bei den Großeltern (väterlicherseits!) in der Heimat aufwachsen und Mama und Papa nur am Wochenende sehen – wenn überhaupt. Meine Kollegin Lina hat ihren kleinen Jungen in diesem Jahr nur am chinesischen Neujahrsfest gesehen, weil sie aus der Nähe von Xi’an (ca. drei Flugstunden westlich von Shanghai) kommt und sich aus Zeit- und Kostengründen keine häufigen Besuche leisten kann. Deshalb war sie froh, dass er im Herbst in den Kindergarten kam und damit nun bei ihr und ihrem Mann in Shanghai wohnen kann.

 Familien wie Linas müssen sich in einem schwierigen Lebensumfeld zurechtfinden. Bei den rasant steigenden Kosten für Wohnraum und Mieten muss eine eigene Wohnung in einem familienfreundlichen Viertel für viele ein Traum bleiben. Die Immobilienpreise in Shanghai und anderen Großstädten Chinas schnellen in schwindelerregende Höhen und machen damit den Wohntürmen Konkurrenz, die zu Hunderten und mit atemberaubender Geschwindigkeit in den Vororten hochgezogen werden. Auf engstem Raum wohnt man zu dritt, viert oder fünft. Parks und Spielplätze zwischen den Hochhäusern ändern trotzdem nichts am Eindruck von Identitätslosigkeit und Enge dieser Turmsiedlungen.

Wer vor zehn Jahren in eine Wohnung in Nanjing, Shanghai, Hangzhou, Beijing oder einer anderen chinesischen Großstadt investiert hat, kann sich jetzt entspannt zurücklehnen: Der Wert sollte sich seit dem Kauf vervielfacht haben. Während die Blase der Mietpreise auf der einen Seite viele immer weiter in die Randbezirke der Stadt treibt, führt sie am anderen Ende des Spektrums zu so skurrilen Gebilden wie „Scheinscheidungen“: Weil die Regierung den Kauf von Zweitwohnungen (eine beliebte Geldanlage für Wohlhabendere) reglementiert, um den Höhenflug der Wohnkosten zu bremsen und die Knappheit von Wohnraum zu mildern, lassen sich immer mehr Paare in Chinas Großstädten scheiden, um diese Einschränkung zu umgehen.

Statt mit den Nachbarskindern draußen oder im Garten, spielen die Kinder hier abends auf den gepflasterten Vorplätzen der Malls und auf den Gehwegen. Es gibt wild blinkende Karusselle und fahrende Schaukelpferde oder Roboter als Ersatz für Natur. In den Malls ist oft ein ganzes Stockwerk nur der Bespaßung der kleinen Bürger gewidmet: Sie haben die Wahl zwischen Stores zum Malen, Lego-Spielen, Trampolinhüpfen, Indoor-Rollschuhfahren und Klettern. Am pfiffigsten finde ich die Baby-Schwimmbäder, wo Säuglinge mit Schwimmreifen um den Hals in blubbernden Becken treiben und Wassermassagen bekommen. Viele Kleinkinder tragen Schuhe, die bei jedem Schritt quietschen wie Gummientchen – so kann man sie auch im Großstadtdschungel immer hören. Und Windeln haben sich anscheinend noch nicht wirklich durchgesetzt, dafür haben die Chinesen eine andere Methode: Die Hosen der Babys sind mit einem Schlitz ausgestattet – und bei Bedarf hält man die Kleinen eben kurzerhand über den Wegesrand oder über einen Mülleimer und lässt die Schwerkraft walten.  

Aus deutscher Sicht muss der Alltag der Shanghaier sehr entbehrungsreich wirken. Aber die Bewohner hadern nicht mit ihrem Leben, im Gegenteil. Mein Eindruck ist, dass sie das Beste aus den gegebenen Umständen machen, anstatt sich zu beschweren. Widrigkeiten werden von ihnen akzeptiert, weil es oft eben nicht anders geht und Beschwerden nichts daran ändern würden. Viele haben vor dem Aufschwung der letzten Jahrzehnte einen anderen Standard kennengelernt und sind dankbar für den Komfort heute. Von der Zufriedenheit und Genügsamkeit der Chinesen können sich manche Europäer noch etwas abschauen.