Bild von Deutschland und deutsch-chinesische Unterschiede

Made in GermanyDas Leben und die Gepflogenheiten der Deutschen interessieren meine Kollegen sehr und die Gesprächsthemen gehen uns nicht aus – sie stellen unermüdlich Fragen über das Schulsystem, den Arbeitsalltag, deutsche Autos, das Mittagessen, Modetrends, deutsche Spezialitäten, beliebte Freizeitaktivitäten.

Auch für mich ist es interessant zu sehen, was hier in China mit meinem Heimatland verbunden wird. Mir fällt auf, dass kaum Gefühl für die Dimensionen der deutschen Städte und Regionen vorhanden ist. Das wird spätestens klar, als ich gefragt werde, ob Neumarkt über ein Ubahn-Netz verfügt und wie viele Millionenstädte es in Deutschland gibt. Made in Germany ist hier ein verlässliches Qualitätssiegel. ZartbitterschokoladeNeben Medikamenten, Babyprodukten und dem deutschen Maschinenbau ist zu meinem Erstaunen die Marke WMF bekannt: Wie sich herausstellt, sind Chinesen große Fans der „deutschen Messer“ – und der deutschen Schokolade (Zartbitter!). Gängige Bilder vom überdurchschnittlich hohen Bierkonsum der Deutschen, ihrer steifen, humorlosen Produktivität und ihrer unerschöpflichen Innovationskraft begegnen mir oft. Zum Lachen bringt mich die Frage: „Also könnt ihr Deutschen alle schießen? Habt ihr alle Pistolen und Gewehre?“ Da muss wohl eine Verwechslung mit unseren Freunden aus den USA vorliegen. ;)

BräutigamWeiße werden generell für ihre Größe und ihr Aussehen (große runde Augen, Haarfarben, helle Haut) bewundert und mit übertriebenem Respekt behandelt. Mir wird bewusst, dass das Rassendenken in China noch viel tiefer in den Köpfen verankert ist als im Westen – Weiße stehen in der sozialen Hierarchie über den Chinesen. Deshalb wird eine Heirat mit einem weißen Mann noch immer als großer gesellschaftlicher Aufstieg gesehen – selbst, wenn er aus weniger wohlhabendem Hause stammt als die chinesische Braut. Außerdem beneiden die Chinesen uns um unseren Wohlstand und die Lebensqualität und Sauberkeit in unseren Städten: Angesichts der zahllosen Wohntürme in den Shanghaier Vororten ist es nur verständlich, dass meine Beschreibung von Einfamilienhäusern mit Gärten wie ein Märchen erscheinen muss. Natürlich erzähle ich, dass es auch eine Vielzahl von Deutschen gibt, die in Wohnungen und Appartements leben, gerade in den größeren Städten. Aber ich fürchte, das Bild vom Haus mit Garten hat sich in den Köpfen meiner Kollegen festgesetzt - und so schnell ist man verantwortlich für ein neues Vorturteil.

Trabantenstädte im Nordwesten Shanghais (Zhabei District)Über Politik dagegen wird nicht gesprochen. Kein einziges Mal habe ich bis jetzt meine Kollegen erlebt, wie sie über die Wahlen in Amerika oder den Brexit sprechen, ganz zu schweigen vom politischen System im eigenen Land. Es ist schlichtweg kein Diskussionsthema im alltäglichen Leben. Ich würde ihnen gerne die Unterschiede zwischen China und Deutschland nennen, die mir auffallen. Die Schere zwischen Arm und Reich, die hier noch so viel größer und sichtbarer ist. Die Qualität und die Wertigkeit der deutschen Infrastruktur und Gebäude im Gegensatz zu den hiesigen holperigen Betonstraßen und maroden Leitungen. Das Sozial in unserer sozialen Marktwirtschaft - ein vergleichsweise stabiles Auffangnetz, während es hier weder Arbeitslosen - noch Berufsunfähigkeitsversicherungen für die kleinen Bürger gibt. Und die stoische Akzeptanz der Umstände hier in China, wo Widrigkeiten als gegeben hingenommen werden – ganz im Gegensatz zur selbstverständlichen öffentlichen Kritik in Deutschland. Aber ich fürchte, das würde den Bogen der freundschaftlichen Völkerverständigung überspannen. Schließlich bin ich hier, um Deutschland würdig zu vertreten und dieses fremde Land und das Leben seiner Bewohner ein wenig besser zu verstehen.